Ein Reisebericht von Patrick Langhorst


Part 1 - Von München zum Schwarzen Meer (Konstanza)


München - Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Als ich am 30.04. dieses Jahres ein positives Covid-Schnelltest-Ergebnis in der Hand hielt, stand die Welt kurz still. Ich wusste in dem Moment, dass das der Startschuss für unser Abenteuer war. Denn meine Wohnung hatte ich bereits zu Ende April gekündigt und somit fehlte mir ein Dach über dem Kopf. Sophia hat dann etwas rumtelefoniert und im Freundeskreis tatsächlich jemanden gefunden, der mich aufnehmen würde. Die zweiwöchige Isolationszeit verbrachte ich letztenendes in einer 6 qm großen Gartenhütte und in einer unausgebauten Kellerwohnung in Wolfratshausen. Da ich nicht wusste, wie die Infektion verläuft, haben wir beschlossen noch eine Woche Regeneration dranzuhängen. Und somit mussten wir unseren Start vom 08.05. auf den 23.05. verschieben.

Meine Quarantäne-Residenz in Münsing
Meine Quarantäne-Residenz in Münsing

Ein rund 20 köpfiger Mix aus Family & Friends kam am Abschiedstag zusammen, um uns "pfiat di!" (Bayrisch: Auf Wiedersehen!) zu sagen. Einige Tränen und Umarmungen später ging es dann bei strömenden Regen und mit schwerem Gepäck los Richtung München. Sophias Vater und Bruder bestanden darauf uns ein paar Kilometer zu begleiten. Bereits nach wenigen Minuten merkten wir allerdings, dass unsere Räder viel zu schwer waren. Schuld daran war u.a. die Unmenge an Porridge, die wir gesponsert bekommen haben. Wir haben lediglich einen Bruchteil davon mitgenommen, aber bei einer Fahrradtour zählt halt jedes Gramm.

Voller Optimismus ging es am 23.05.2021 in die Tour
Voller Optimismus ging es am 23.05.2021 in die Tour
Bye bye grandma!
Bye bye grandma!

Deggendorf - Die Isar flussabwärts bis zur Donaumündung nach Deggendorf zu fahren stand schon seit langem bei mir auf der Bucketlist und nun hatte ich endlich die Gelegenheit dazu. Mit ihrem kristallklaren Wasser und ihrer atemberaubenden Wildnis zog sie mich bereits vor vielen Jahren in den Bann. Als wir unseren Hunger in Landshut mit einer Pizza stillen wollten, ist ein Pärchen, welches im Haus hinter uns wohnte, auf uns aufmerksam geworden und hat uns spontan einen Schlafplatz angeboten. Das Angebot nahmen wir dankbar an und so saßen wir noch bis halb 3 nachts bei köstlichem Wein und selbstgemachten Delikatessen im Esszimmer zusammen. Ein weiteres Highlight dieser Etappe war sicherlich das Mündungsgebiet bei Deggendorf/Isarmünd. Eine Art riesige Sumpf- und Seenlandschaft mit unzähligen Schwänen und Wasservögeln. Wir kamen aus dem Staunen kaum noch heraus. Fortan sollte die Donau und mit dem Euro Velo 6 (Fernradlweg) unser neuer Begleiter bis zum Schwarzen Meer werden.

Der Isarradweg ist ein pures Natur-Erlebnis
Der Isarradweg ist ein pures Natur-Erlebnis
Unser Abendessen in Landshut
Unser Abendessen in Landshut
Unser Schlafplatz in Landshut
Unser Schlafplatz in Landshut
Die Isarmündung bei Deggendorf
Die Isarmündung bei Deggendorf

Österreich - Bereits am vierten Tag überquerten wir die erste Grenze nach Österreich mit einem negativen Antigentest im Gepäck. Die Grenzbeamten würdigten uns jedoch keines Blickes und so konnten wir problemlos passieren. Wären wir wie geplant am 08.05. losgefahren, hätte das vermutlich noch ganz anders ausgesehen und so haben wir wohlmöglich den richtigen Zeitpunkt erwischt. In Österreich führte uns die Donau u.a. durch das wunderschöne Melk, die Wachau und Tulln an der Donau. In Wien angekommen haben wir uns erstmal auf die Nahrungszufuhr konzentriert. 

Ein üppiges Frühstück in Wien. Danke Greta!
Ein üppiges Frühstück in Wien. Danke Greta!
Die Einfahrt zieht einen magisch zur Kirche
Die Einfahrt zieht einen magisch zur Kirche
Unterwegs auf dem Euro Velo 6 kamen wir regelmäßig ins Staunen
Unterwegs auf dem Euro Velo 6 kamen wir regelmäßig ins Staunen
Sonnenuntergang in der Wachau
Sonnenuntergang in der Wachau

Slowakei - Gut gestärkt ging es nur wenige Tage später über die nächste Grenze. Dieses Mal aber nicht alleine, sondern mit den beiden Mannheimern Jenn und Matthias im Schlepptau, die von Passau nach Istanbul radeln. Bereits 30 km vor dem Ziel konnten wir die slowakische Berglandschaft bestaunen. Ein unfassbar schönes Stück Natur! Grenzkontrollen haben auch hier nicht stattgefunden und so konnten wir uns im kleinen aber feinen Bratislava noch in einem Restaurant den Bauch vollschlagen, bevor es weiter auf Zeltplatzsuche ging. Auch, wenn die Straßenverhältnisse schlechter wurden, so lud die Donau doch ab und zu mit unerwartet schönen Strandabschnitten zum Baden ein. Bereits vor zwei Jahren habe ich es mit dem Rad bis nach Bratislava, aufgrund des Zeitmangels aber nicht weiter gen Osten geschafft. Daher war alles was nun bevorstand Neuland für mich und ich habe sehnsüchtig auf Ungarn hingefiebert.

Bratislava - Klein aber fein
Bratislava - Klein aber fein
Relaxen an der Donau in der Slowakei
Relaxen an der Donau in der Slowakei
Wundervoller Donaustrand in der Slowakei
Wundervoller Donaustrand in der Slowakei

Ungarn - In Komarno haben wir die Chance genutzt, um auf die ungarische Seite der Donau zu gelangen und siehe da, kein Problem! Wir waren sofort von den sauberen Verhältnissen und der guten Infrastruktur überrascht. Budapest, die Hauptstadt ungarns, hat uns ebenfalls verzaubert und wir werden definitiv eines Tages zurückkommen. Von Freunden haben wir noch in Deutschland einen Kontakt am Balaton empfohlen bekommen und so mussten wir einmal durch das halbe Land radeln (145 km), ehe uns Szusza nachts um 00:15 Uhr in Empfang nehmen konnte. Da wir bis dato kaum Erholung hatten entschieden wir uns prompt ein paar Tage zu bleiben und noch den Balaton zu erkunden und zu umrunden. Die mit 207 km bisher längste Tagesetappe haben wir inklusive Pause in 15 Stunden bewältigt (ohne Gepäck). Anstatt wieder an die Donau zu fahren haben wir uns auf den Weg nach Pecs gemacht. Wie sich herausstellte, sollte das eine sehr gute Entscheidung gewesen sein. Denn noch am gleichen Tag sind wir auf eine große Gruppe von Mountainbikern gestoßen, mit denen wir rasch ins Gespräch kamen. Unser ursprünglicher Plan war ein Zeltplatz zu suchen und anschließend schlafen zu gehen, doch als uns Joseph spontan zu sich und seiner Familie nach Hause einlud, mussten wir spät abends um 10:30 Uhr noch 15 km über den Berg fahren. Aber es hat sich gelohnt! Nie zuvor haben wir eine harmonischere Familie gesehen und wir fühlten uns gleich zu Hause☺️

Auf nach Ungarn - unser dritter Grenzübergang
Auf nach Ungarn - unser dritter Grenzübergang
Langos, unsere erste Mahlzeit in Ungarn
Langos, unsere erste Mahlzeit in Ungarn
Ich in bester Posermanier an der Donau
Ich in bester Posermanier an der Donau
Viel zu sehen gab es auf der Cycleseeing Tour durch Budapest
Viel zu sehen gab es auf der Cycleseeing Tour durch Budapest
Das Schild lud zum Foto ein
Das Schild lud zum Foto ein
Auf den Weg zum Balaton machten wir unsere ersten 1.000km
Auf den Weg zum Balaton machten wir unsere ersten 1.000km
Mein neuer Bro in Pecs
Mein neuer Bro in Pecs
Sandige Straßen haben uns in Ungarn erwartet
Sandige Straßen haben uns in Ungarn erwartet

Kroatien - In Kroatien wurden tatsächlich das erste mal unsere Pässe kontrolliert, aber mehr auch nicht. Lediglich zwei halbe Tage und eine Nacht sollten wir hier bleiben, aber die hatten es in sich. Bereits ein paar Stunden nach dem Grenzübertritt hörten wir ein paar Leute im Garten feiern. Auf die Frage: "Vino?", antworteten wir nach kurzem Zögern mit "Ok". Nach ein paar Gläschen selbstgemachten Riesling und Merlot lief die Verständigung allmählich besser und wir kamen mit immer mehr von ihnen ins Gespräch. Gegen 21 Uhr löste sich die Arbeitsfeier schließlich auf und wir setzten unsere Reise leicht angeduselt fort, um uns einen Schlafplatz zu suchen. Was jetzt kommt ist Abenteuer pur und sicherlich nichts für schwache Nerven, denn wir hatten es versäumt die Route ausgiebig zu checken und so mussten wir noch zwei Stunden durch ein Naturschutzgebiet radeln, ehe wir unser Zelt aufstellen durften. Nach nur wenigen Minuten wurden wir links von zwei Polizei-Scheinwerfern angestrahlt, die uns eine Weile verfolgten und dann plötzlich verschwanden. Als wir nichts ahnend weiterfuhren, hörten wir plötzlich ein lautes Grunzen neben uns und mir lief es kalt den Rücken herunter. Immer wieder sahen wir Wildschweine vor uns in die Dunkelheit flüchten. Wir waren angespannt, denn so eine Begegnung kann auch mal nicht ganz so glimpflich ausgehen. Stehen bleiben war schon lange keine Option mehr, denn die Mücken hatten uns bereits ins Visier genommen. Sie sollten sich trotzdem noch den Bauch vollschlagen😅 Die sehr kurze Nacht verbrachten wir schließlich an einem kleinen See kurz vor dem nächsten Dorf. Am kommenden Morgen haben wir uns beim hiesigen Supermarkt eingedeckt und uns auf einen Powernap am nächstgelegenen See niedergelassen. Die serbische Grenze war nun nicht mehr weit weg. 

Sophia in cycle mood (Kroatien)
Sophia in cycle mood (Kroatien)
Eine Weineinladung sollte man nicht ausschlagen
Eine Weineinladung sollte man nicht ausschlagen

Serbien - Der serbische Grenzbeamte war tatsächlich der erste, der uns nach einem gültigen PCR-Test fragte. Da ich bereits im April mit Covid infiziert war und Sophia einen fast aktuellen Test dabei hatte, durften wir auch hier passieren. Novi Sad sollte das einzige Highlight bleiben, denn in Belgrad haben wir schnell gemerkt, dass die Stadt nicht zum Fahhradfahren ausgelegt ist. Wohlmöglich eine der fahrradunfreundlichsten Städte, in der ich je war. Und so fuhren wir nach nur einer Nacht in Belgrad weiter Richtung romänische Grenze. Wenn man etwas über Serbien sagen kann, dann dass das Land ein Müllproblem hat. Überall wo wir vorbei kamen wurde Müll verbrannt und Sophia fühlte sich gleich an ihre Zeit in Indien zurückerinnert. Nach einem kleinen Unfall auf dem Donauradweg (das Vorderrad hat sich im Asphalt verkeilt) hatten wir Glück, dass wir auf kompetente Hilfe stießen und die Acht schnell gefixt werden konnte. Am vierten Tag erreichten wir in Erdut schließlich die rumänische Grenze.

Welcome to Novi Sad
Welcome to Novi Sad
Ein Wiedersehen mit unseren Reisebuddies in Belgrad
Ein Wiedersehen mit unseren Reisebuddies in Belgrad
Der Weg raus aus Belgrad war alles andere als easy
Der Weg raus aus Belgrad war alles andere als easy
Auf den Weg Richtung Rumänien durchquerten wir viele kleine Dörfer
Auf den Weg Richtung Rumänien durchquerten wir viele kleine Dörfer
Ein idyllischer See kurz an der serbisch-rumänischen Grenze
Ein idyllischer See kurz an der serbisch-rumänischen Grenze
Immer geradeaus!
Immer geradeaus!

Rumänien - Aufgrund eines Schichtwechsels entschuldigte sich die Grenzbeamtin mehrmals bei uns für die lange Wartezeit. Ihre Nachfolgerin sollte nicht mehr ganz so von uns angetan sein und so lies sie uns weitere Minuten zappeln. Einige Zeit später kam ein in camouflage gekleideter, mittelgroßer Mann auf uns zu und fragte: "Where are you going?". Wir erwiederten mit "We are going to Constanta!"."It's your first time in Romania?". Kurz und knapp antworteten wir mit "Yes, it is." Er breitete schließlich seine Arme aus uns lies ein kräftiges "Welcome to Romania!" verlauten. Die ersten Kilometer waren erstaunlich anders und wir waren von den freundlichen und lebensfrohen Kindern, die uns zuwinkten und "Hello!" zuriefen überrascht. Manchmal mussten wir sogar mit ihnen abklatschen und einige liefen uns voller Freude hinterher. Der Euro Velo 6 zeigte sich nun von seiner besten Seite. Guter Asphalt, wenig Verkehr und eine atemberaubende Natur sollten uns über Tage hinweg begleiten. Die Donau schlängelt sich in Rumänien durch eine Berglandschaft und bildet anfangs die Grenze zu Serbien und später zu Bulgarien. Egal wo wir uns die nächsten Tage befanden, überall entgegnete uns unglaubliche Gastfreundschaft. So lud uns ein Angler in Drobeta ganz selbstverständlich zum Dinner mit Brot, Käse und Palinka, einem selbstgebrannten Obstschnaps, ein. An einem anderen Tag, nur wenige Kilometer vor Califat, versorgte uns eine kleine Familie mit Grillgemüse und Kuchen. Eine der schönsten Momente war allerdings, als ein älterer Herr namens Marcel, uns spontan eine Schlafmöglichkeit anbot, als er sah, dass es mir nicht gut ging. Was ich an dem Tag hatte, weiß ich nicht genau, aber mein Kreislauf wollte nicht mitspielen und so nahmen wir sein Angebot dankbar an. Paula, seine 73 jährige Ehefrau, bereitete ein üppiges Abendessen für uns vor und nach zwei Whiskey und 11 Stunden Schlaf war ich wieder in der Spur. Da wir unnötige Grenzübergänge vermeiden wollten, fuhren wir, entgegen vieler Ratschläge, den ganzen Euro Velo 6 in Rumänien und so lernten wir die Countryside richtig gut kennen. Wir haben uns zu keiner Zeit unwohl gefühlt und waren über jeden einzelnen Moment sehr dankbar. Ganze 14 Tage sollten wir tatsächlich hier verbringen. In Konstanza angekommen wurden wir herzlich von den Albatrossen in Empfang genommen und zum Schwarzen Meer eskortiert. Ein unglaubliches Gefühl, wenn man weiß, dass man gerade knapp 3.000 km mit dem Bike zurückgelegt und sein erstes großes Etappenziel erreicht hat.


To be continued... 

Ein wohlverdientes Abendessen in Rumänien
Ein wohlverdientes Abendessen in Rumänien
Ein Angler lud uns ganz selbstverständlich zum Abendessen ein
Ein Angler lud uns ganz selbstverständlich zum Abendessen ein
Etwas Entspannung kurz vor Califat
Etwas Entspannung kurz vor Califat
Totalausfall auf dem Weg zu unserem Warmshowershost
Totalausfall auf dem Weg zu unserem Warmshowershost
Unsere Gastgeber Marcel und Paula aus Corabia
Unsere Gastgeber Marcel und Paula aus Corabia
Sophia's Strategie gegen die Hitze
Sophia's Strategie gegen die Hitze
Viel Wasser trinken war bei teilweise 36 Grad sehr wichtig
Viel Wasser trinken war bei teilweise 36 Grad sehr wichtig
Ein Morgenbad in der Donau
Ein Morgenbad in der Donau
Kurz vor unserem ersten großen Etappenziel
Kurz vor unserem ersten großen Etappenziel
Das Schwarze Meer in Konstanza
Das Schwarze Meer in Konstanza
Relaxing am Beach in Konstanza
Relaxing am Beach in Konstanza